Weißenhorn 2026

21.05.-26.05.26
Weißenhorn

Da die Wölfe sich im vergangenen Jahre auf dem Feste wohl verhalten und weder Händler noch Jarle zur Verzweiflung getrieben hatten, ward noch vor dem Ende des Lagers beschlossen, dass sie auch im kommenden Sommer wieder willkommen seien. Diese Kunde erfüllte die Sippe mit großer Freude, und ohne langes Zögern gaben die Jarle ihr Wort, erneut zu erscheinen.

Leif aber sann auf einen klugen Plan. „Ich werde bereits am zweiten Tage der Woche anreisen“, sprach er. „So bleibt mir ein Abend in Ruhe mit Markus und den übrigen Jarlen, ehe Weib, Kind und Kegel das Lager bevölkern.“

Also spannte er die Pferde an und brach frühzeitig auf.

Was er jedoch nicht bedacht hatte, war die Glut der Sommersonne. Diese brannte den ganzen Tag erbarmungslos auf Menschen und Tier herab, sodass am Abend sämtliche Jarle mehr Lust auf ihr Nachtlager als auf lange Gespräche hatten.

So wurde aus dem geplanten Männerabend ein kurzes Beisammensein bei Met und müden Blicken.

Am folgenden Tage traf Angel ein, begleitet vom treuen Sheldon. Zuvor hatte sie den Metkeller geplündert, auf dass niemand im Lager Durst leiden müsse.

Auch Liv und Jörvt erschienen mit ihren Wagen, ebenso die Verlobte des Letzteren. Mehrere Wölfe hatten ihre Zelte vorausgeschickt, da sie selbst erst zu späterer Stunde eintreffen würden.

So begann das Lager allmählich Gestalt anzunehmen.

Als die Sonne sich neigte, meldeten sich die Mägen der Anwesenden lautstark zu Wort.

Da schwangen sich Liv und Angel auf ihre Pferde und ritten aus, um Speisen zu beschaffen. Nicht weit vom Lager fanden sie eine Schenke, deren Wirt sie mit köstlichen Speisen versorgte.

Mit ihrer Beute kehrten sie zurück und wurden freudig empfangen.

Nachdem das Mahl verspeist und die letzten Krüge geleert waren, legte sich die Müdigkeit wie ein schwerer Mantel über die Sippe.

Bald kehrte Ruhe im Lager ein.

Noch vor Sonnenaufgang des nächsten Tages machten sich Liv und Angel auf zum Markt.

Als sie mit Körben voller Waren zurückkehrten, bemerkten sie eine fremde Sippe, die sich neben ihnen niederlassen wollte.

Die Wölfe nahmen ihr Frühstück ein und beobachteten aufmerksam die Arbeiten.

Doch zu ihrer Verwunderung geschah kaum etwas.

Bis die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, war lediglich ein einzelnes Zelt errichtet worden.

Die Nachbarn stellten es so auf, als hofften sie, die neugierigen Blicke der Wölfe fernzuhalten.

Da die Wölfe ihr eigenes Werk jedoch längst vollendet hatten, rückten sie Bänke und Stühle zurecht und beobachteten das Schauspiel mit umso größerem Interesse.

„Wären dies meine Leute“, sprach Angel kopfschüttelnd, „ich hätte die Hälfte von ihnen bereits gegen arbeitswillige Menschen ausgetauscht.“

„Lass uns sehen, wann sie vollendet haben“, erwiderte Liv.

So verstrich die Zeit.

Die Wölfe saßen in der Sonne, tranken Met und genossen die Wärme des Tages.

Da betrat Käpt'n Jack das Lager.

Wie stets brachte er einen Sack voller Geschichten, Anekdoten und Seemannsgarn mit sich, sodass bald lautes Gelächter durch die Reihen hallte.

Schließlich blickte auch er hinüber zum Nachbarlager.

„Seit wann bauen die dort?“

„Seit dem Morgen!“, erschallte es von mehreren Seiten.

Jack blinzelte.

„Und das sind erst drei Zelte? Wollen sie zum Winter fertig werden?“

Val deutete auf eine freie Ecke.

„Dort hinten soll angeblich noch ein Badezuber entstehen.“

„Dann wird dieser wohl in drei Tagen Wasser sehen“, rief jemand aus der Runde.

Großes Gelächter erhob sich unter den Wölfen.

Und während die Sonne langsam über den Himmel wanderte, geschah nebenan weiterhin erstaunlich wenig.

Als der Abend nahte und die Schatten länger wurden, sattelten Liv und Angel abermals ihre Pferde.

„Die Schenke des gestrigen Abends war wohlfeil“, sprach Angel, „doch wollen wir sehen, ob sich nicht noch bessere Speisen in dieser Stadt finden lassen.“

Also ritten die beiden Frauen durch die Gassen Weißenhorns.

Nicht lange währte ihre Suche, da vernahmen sie aus einer schmalen Seitengasse liebliche Musik. Fremdartige Düfte von Gewürzen und gebratenem Fleische lagen in der Luft und lockten sie näher.

„Hier werden wir fündig“, sprach Liv und zog die Zügel an.

Nachdem sie die Speisen gekostet hatten, bestand kein Zweifel mehr. Reich beladen kehrten sie ins Lager zurück.

Kaum hatten sie die Körbe abgestellt, da fielen die hungrigen Wölfe über die Beute her wie Nordmänner über ein unbewachtes Kloster.

Groß war das Lob für die beiden Beschafferinnen.

Nach dem Mahle aber musste Käpt’n Jack seine Reise fortsetzen.

Denn seine Gemahlin war bereits viele Stunden zuvor mit der Black Pearl heimwärts gefahren, nachdem sie daheim Vergessenes bemerkt hatte.

Da sie längst hätte zurückkehren sollen, ward Jack zunehmend unruhig.

„Ich werde mich zum Hafen begeben und Ausschau halten“, sprach er.

So verabschiedete er sich von den Wölfen und verschwand in der einbrechenden Nacht.

Die Wölfe aber richteten ihre Aufmerksamkeit erneut auf das Lager der Nachbarn.

Mittlerweile standen dort immerhin fünf Zelte.

„Nun“, bemerkte Leif, „zumindest müssen sie diese Nacht nicht unter freiem Himmel verbringen.“

„Wenn sie es schaffen, ihre Betten aufzubauen“, warf jemand ein.

„Betten werden überschätzt“, erscholl es zugleich von mehreren Seiten.

Lautes Gelächter folgte.

Die Nacht war bereits weit fortgeschritten, als plötzlich ein gewaltiger Schlag durch das Lager hallte.

Dann noch einer.

Und noch einer.

Die Wölfe fuhren erschrocken hoch.

Im Nachbarlager stand der Herr der dortigen Sippe und begann, Pfosten in die Erde zu treiben.

Mitten in der Nacht.

Angel setzte sich kerzengerade auf.

„Den ganzen Tag hatten sie Zeit!“, knurrte sie. „Doch nun, da ehrbare Menschen schlafen wollen, entdeckt dieser Mann plötzlich seinen Arbeitseifer.“

Ein weiterer Hammerschlag erschütterte die Stille.

„Noch einen solchen Schlag“, murmelte sie, „und ich werde ihm zeigen, wo der Hammer wahrlich hängt.“

Leif legte beschwichtigend eine Hand auf ihren Arm.

„Bleib ruhig, Gemahlin. Bei seiner bisherigen Arbeitsgeschwindigkeit wird er die Lust bald wieder verlieren.“

Und tatsächlich.

Nach kaum zwei weiteren Schlägen verschwand der Nachbar in seinem Zelt.

Leif nickte zufrieden.

„Siehst du.“

So kehrte wieder Frieden über das Lager.

Noch ein letzter Becher Met machte die Runde, dann suchten die Wölfe ihre Lagerstätten auf.

Am nächsten Morgen versammelten sie sich erneut zum Frühstück.

Natürlich schweiften ihre Blicke als Erstes hinüber zum Nachbarlager.

Stillstand.

Kein Hammer.

Keine Axt.

Kein Mensch in Sicht.

„Wie wollen sie bis zur Marktöffnung fertig werden?“, fragte Liv.

„Vielleicht zur Marktöffnung des nächsten Jahres“, meinte Val .

Wieder brach Gelächter aus.

Gegen Mittag trafen weitere Wölfe und eine Gastfamilie ein.

Linda und Benny erschienen mit ihrer Familie, kurz darauf auch Erik.

Kaum hatten sie ihre Wagen abgestellt, wanderten auch ihre Blicke zum Nachbarlager.

„Oh! Ein Badezuber!“, bemerkte Benny. „Vielleicht sollte ich einen Termin buchen.“

„Überlege dir das gut“, sprach Angel.

„Warum?“

„Wenn das Wasser ebenso schnell eingefüllt wird wie dieses Lager aufgebaut wurde, kannst du deinen Termin für das kommende Jahr vereinbaren.“

Die Wölfe lachten so laut, dass selbst einige Händler neugierig herübersahen.

Doch schließlich schienen die Nachbarn doch noch von den Göttern gesegnet worden zu sein.

Bis zur Öffnung des Marktes stand beinahe das gesamte Lager.

Zur selben Zeit duftete es bei den Wölfen bereits nach frischem Brot und warmem Kuchen.

Die ersten Laibe wurden aus dem Ofen gezogen, und der Duft lockte zahlreiche Besucher an.

Auch am Axtwurf herrschte bald reger Betrieb.

Trotz der sengenden Sonne fanden sich viele Gäste ein, um ihre Geschicklichkeit unter Beweis zu stellen.

So begann der Markt, und das Lager der Wölfe war erfüllt von Lachen, Stimmengewirr und dem Klang fliegender Äxte.

Doch noch ahnte niemand, dass der Abend eine Verkündung bringen würde, die das Rudel mit großem Jubel erfüllen sollte.

Für diesen Abend aber hatte Val einen Termin im Badezuber der Zuber-Wölfin errungen. Da dies ein Anlass von großer Wichtigkeit war, beschlossen die Jarle, die für den folgenden Tag vorgesehenen Feierlichkeiten bereits an diesem Abend abzuhalten.

Als die Sonne sich senkte und das Abendmahl beendet war, erhob sich Angel von ihrem Platz.

Mit einem hölzernen Becher schlug sie gegen den Tisch, bis Ruhe einkehrte.

„Wölfe! Hört die Worte eurer Jarle!“

Sogleich verstummten Gespräche und Gelächter.

Selbst jene, die eben noch um die letzten Brotstücke gerungen hatten, richteten ihre Aufmerksamkeit nach vorn.

„Liv, tritt zu uns.“

Etwas verwundert erhob sich Liv und trat vor die Versammlung.

Angel lächelte.

„Vor nicht einmal einem Jahre tratest du als schüchterne Reisende in unsere Reihen. Mit Gebäck, Freundlichkeit und deinem guten Herzen hast du dir einen Platz unter den Wölfen verdient.“

„Und mit Haferkeksen!“, erscholl es aus den hinteren Reihen.

Großes Gelächter brach aus.

„Ja“, sprach Angel und musste selbst lachen, „auch mit Haferkeksen.“

„Vor allem mit Haferkeksen!“, rief Erik.

Nun lachte das ganze Lager.

Als wieder Ruhe eingekehrt war, fuhr Angel fort:

„Du hast unserer Sippe als Köchin gedient, bist zur Völva aufgestiegen und hast Verantwortung übernommen. Daher haben die Jarle und der Sippenrat beschlossen, dich in den Hohen Rat der Wölfe aufzunehmen.“

Ein ehrfürchtiges Murmeln ging durch die Reihen.

„Liv, willst du die Aufgaben eines Huskarls übernehmen und fortan im Sippenrat dienen?“

Liv blickte in die Runde.

„Ja“, antwortete sie ohne Zögern.

„Aber die Haferkekse!“, jammerte Erik.

„Keine Sorge“, erwiderte Liv lachend. „Nur weil ich aufsteige, höre ich doch nicht auf zu backen.“

Da brach tosender Jubel los.

Unter lautem Handgeklapper wurde Liv der Platz eines Huskarls zugewiesen, den sie voller Stolz einnahm.

Nachdem der Jubel verklungen war, trat Angel erneut vor.

„Val , komm zu uns.“

Val erhob sich etwas zögerlich.

Während er nach vorn trat, verschwand Angel kurz in ihrem Zelt.

Als sie zurückkehrte, trug sie mehrere geheimnisvolle Gegenstände bei sich.

Val betrachtete sie misstrauisch.

„Val “, sprach Angel feierlich, „du hast darum gebeten, in die Sippe der Wölfe aufgenommen zu werden.“

Val nickte.

„Die Jarle und der Sippenrat haben beraten. Dein Gesuch wurde einstimmig angenommen.“

Noch ehe Val antworten konnte, erhob sich lauter Jubel.

„Darum erklären wir dich hier und heute zum Wolf. Mögen die Götter deine Wege begleiten und mögen viele Abenteuer vor dir liegen!“

Die Sippe erhob sich und feierte ihren neuen Bruder.

Val wollte gerade zu seinem Platz zurückkehren.

Da erhob sich Leif.

„HALT!“

Val blieb wie vom Blitz getroffen stehen.

Selbst die Gespräche verstummten.

„Dies war noch nicht alles.“

Langsam trat Leif näher.

„Da unsere Sippe mittlerweile viele Ämter und Aufgaben kennt, haben wir beschlossen, auch dir eine besondere Verantwortung zu übertragen.“

Val wurde sichtbar nervös.

„Dein neuer Titel soll von heute an lauten: Zuberkönig!“

Einen Augenblick herrschte Schweigen.

Dann brach schallendes Gelächter aus.

„Als Zuberkönig wirst du auf allen künftigen Lagern über Termine, Ordnung und Ehre des Badezubers wachen.“

Leif hob die Augenbrauen.

„Willst du dieses Amt annehmen?“

Val grinste.

„Aber sicher doch!“

„So sei es!“

Nun überreichte Angel die Insignien seines Amtes.

Eine mächtige Badebürste.

Dazu mehrere hölzerne Badeenten.

Und schließlich eine besonders prächtige Ente, die fortan als Zeichen seiner Würde gelten sollte.

Der Jubel war gewaltig.

Manch einer behauptete später, das Handgeklapper sei noch im nächsten Dorf zu hören gewesen.

Als die Dunkelheit schließlich über das Lager hereinbrach, machten sich der frisch ernannte Zuberkönig Val , Huskarl Liv sowie die Jarle Leif und Angel auf den Weg zum Badezuber.

Dort wurden die neuen Insignien gebührend eingeweiht.

Badeenten schwammen über das Wasser wie stolze Drachenboote.

Seifenblasen stiegen zum Sternenhimmel empor.

Und mehr als einmal musste gelacht werden, wenn eine der Enten unerwartet ihren Besitzer wechselte.

So vergingen die Stunden in großer Heiterkeit.

Erst spät in der Nacht kehrten sie ins Lager zurück.

Müde vom warmen Wasser, den Feierlichkeiten und dem Met krochen die Wölfe in ihre Lagerstätten.

Über dem Lager funkelten die Sterne.

Und während langsam Ruhe einkehrte, bereiteten die Nornen bereits die seltsamen Ereignisse vor, die am folgenden Abend zur berühmtesten Nicht-Hochzeit der Wölfe führen sollten.

Als der Morgen des Samstags anbrach, schwangen sich Liv und Angel bereits früh in ihre Sättel.

Ein Bauer aus den umliegenden Dörfern hatte eigens ein Schwein geschlachtet, damit am Abend ein Festmahl für die Wölfe bereitet werden könne.

Doch wenn man schon unterwegs war, so konnte man ebenso frische Brötchen, Wurst und allerlei Köstlichkeiten für ein ordentliches Frühstück beschaffen.

Mit reich beladenen Taschen kehrten sie zurück.

Natürlich fiel dabei auch wieder der Blick auf das Nachbarlager.

Der sagenumwobene Badezuber war mittlerweile mit Wasser gefüllt.

Zumindest teilweise.

„Seht an“, sprach Leif. „Er lebt noch.“

„Eine Handbreit Wasser hat er gewonnen“, bemerkte Liv.

„Wenn das so weitergeht, können sie zur Wintersonnenwende baden.“

Großes Gelächter erfüllte das Lager.

Kurz darauf traf die Medicus ein und wurde freudig begrüßt. Ihr Zelt ward rasch errichtet, auf dass sie Kranke, Verletzte und jene versorgen könne, die am Vorabend dem Met zu innig zugesprochen hatten.

Nicht lange danach erschien auch Melly, begleitet von ihrem treuen Hund Marlon.

Kaum hatte sie Platz genommen, vernahm sie erneut die allgegenwärtigen Rufe nach Haferkeksen.

„Bei allen Göttern“, sprach sie, „was hat es mit diesen Haferkeksen auf sich?“

Angel lachte.

„Liv backt die besten Haferkekse südlich der Nordsee und nördlich der Alpen. Und Erik verehrt sie beinahe so sehr wie seinen Met.“

„Nun verstehe ich manches.“

Angel grinste verschmitzt.

„Und weil er ihre Haferkekse so liebt, hat er ihr kurzerhand einen Heiratsantrag gemacht.“

Melly hob überrascht die Augenbrauen.

„Hat er das wirklich?“

„Hat er.“

„Und sie?“

„Hat nicht nein gesagt.“

Da begann Melly zu lächeln.

Jenes gefährliche Lächeln, das stets bedeutete, dass irgendwo eine urige Idee geboren wurde.

Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, welches Unheil sie damit heraufbeschwor.

So geschah es, dass noch vor Einbruch der Dunkelheit Pläne geschmiedet wurden.

Käpt'n Jack erklärte sich bereit, die Trauung zu vollziehen.

Die Meister Gilde Velexus wurde für die Ausrichtung eines Junggesellenabschieds gewonnen.

Mehrere Lagergruppen steuerten Ideen, Dekorationen und Unsinn bei.

Und ehe jemand ernsthaft darüber nachdenken konnte, war die Sache bereits beschlossen.

Die Kunde verbreitete sich schneller als ein Lauffeuer.

Noch vor Sonnenuntergang wusste beinahe das gesamte Lager von der bevorstehenden Vermählung.

Erik hingegen ahnte zunächst nichts von seinem Schicksal.

Pünktlich zur zehnten Abendstunde wurde er in das Lager der Meistergilde Velexus gebeten.

Dort erwarteten ihn Pauken, Trommeln und eine Gesellschaft von Menschen, die verdächtig fröhlich aussahen.

Mitten auf dem Tisch standen vierundzwanzig gefüllte Becher.

Erik betrachtete sie.

Dann die Gesellschaft.

Dann wieder die Becher.

„Nein.“

„Doch.“

„Nein.“

„Doch!“

„Bei Thor, was soll das werden?“

„Dein Junggesellenabschied!“

Da wusste Erik, dass jede Gegenwehr zwecklos war.

Unter großem Jubel begann die Prüfung.

Becher um Becher wurde geleert.

Vor Met.

Vor Likör.

Vor Butter Scotch.

Vor unbekannten Mischungen.

Vor Getränken fragwürdiger Herkunft.

Vor nichts schreckte Erik zurück.

Bis man ihm schließlich einen Becher mit Wasser reichte.

Er betrachtete ihn argwöhnisch.

Roch daran.

Probierte vorsichtig.

Und blickte anschließend empört in die Runde.

„Wollt ihr mich vergiften?“

Das Gelächter war weithin zu hören.

Während Erik heldenhaft gegen die vierundzwanzig Becher kämpfte, liefen im Lager der Wölfe die letzten Vorbereitungen für die Hochzeit.

Käpt'n Jack erschien in voller Würde.

Melly koordinierte die Helfer.

Kerzen wurden entzündet.

Bänke aufgestellt.

Und unter dem Sternenhimmel entstand ein Hochzeitsplatz, wie ihn Weißenhorn selten gesehen hatte.

Schließlich näherte sich der Bräutigam.

Leicht schwankend.

Gestützt von den Traumfängern, einer Gruppe geheimnisvoller Gestalten mit leuchtenden Flügeln.

Unter lautem Handgeklapper wurde er empfangen.

Käpt'n Jack trat vor.

Richtete seine Kleidung.

Räusperte sich.

Und sprach:

„So tretet hervor, ihr beiden, die ihr heute den Bund fürs Leben schließen wollt!“

Liv und Erik traten vor die Versammlung.

Der Mond stand hoch am Himmel.

Die Sterne funkelten.

Und für einen kurzen Augenblick schien alles seinen geordneten Lauf zu nehmen.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne.

Denn gerade als Käpt'n Jack den Segen sprechen wollte, erschien aus der Dunkelheit ein Papagei.

Mit lautem Flügelschlag landete er auf seiner Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Jack erstarrte.

Langsam wandte er sich der Versammlung zu.

„Potz Blitz!“

Sofort wurde es still.

„Wusstet ihr etwa nicht“, rief er mit donnernder Stimme, „dass dieses Weib bereits einem anderen versprochen ist?“

Ein Raunen ging durch die Menge.

Liv hob überrascht die Augenbrauen.

Erik wurde blass.

Jack zeigte dramatisch auf die Braut.

„So möge dich der Teufel holen!“

Kaum waren die Worte gesprochen, da erklang ein unheimliches Grollen.

Aus der Dunkelheit trat eine finstere Gestalt mit glühend roten Augen hervor.

Der Teufel höchstselbst.

Noch ehe jemand reagieren konnte, packte er Liv und verschwand mit ihr in die Nacht.

Stille.

Völlige Stille.

Nur Erik stand noch da.

Verlassen.

Verwirrt.

Und um seine Zukunft gebracht.

Schließlich hob er den Blick gen Himmel.

„Aber ... meine Haferkekse ...“

Doch seine Worte verhallten in der Dunkelheit.

Und so endete die große Hochzeit, ehe sie überhaupt begonnen hatte.

Die Feier jedoch ging weiter.

Denn wenn die Wölfe eines beherrschten, dann war es das Feiern.

Mit oder ohne Braut.

Als die Sonne des Sonntags ihre ersten Strahlen über die Zelte sandte, kroch Leif aus seinem Lager.

Der Jarl blinzelte in das helle Licht, reckte die Glieder und erwartete nichts Geringeres, als die Überreste der gestrigen Feier vorzufinden.

Doch was er erblickte, ließ ihn erstaunt innehalten.

Am großen Tisch saß bereits Erik.

Aufrecht.

Wach.

Fröhlich.

Vor ihm stand ein dampfender Becher Kaffee.

Leif blieb stehen.

Blinzelte erneut.

Und betrachtete das Schauspiel noch einmal.

„Bist du es wirklich?“

„Wer sonst?“, fragte Erik gut gelaunt.

„Der Mann, der gestern vierundzwanzig Becher geleert hat, kann es jedenfalls nicht sein.“

„Vielleicht hat der Teufel nicht nur Liv geholt, sondern auch meinen Kater.“

Die wenigen bereits wachen Wölfe lachten.

Nach und nach kroch der Rest der Sippe aus Zelten, Wagen und Lagerstätten hervor.

Manche wirkten erstaunlich frisch.

Andere blickten so finster, als hätten sie die ganze Nacht mit Trollen gerungen.

Noch ehe das Frühstück im Lager beginnen konnte, erreichte sie eine freudige Kunde.

Das fahrende Volk des Anno 1460 hatte zum gemeinsamen Morgenmahl geladen.

Diese Einladung musste kein Wolf zweimal hören.

Bewaffnet mit Tellern, Schüsseln, Bechern und allem, was sich zum Transport von Nahrung eignete, setzte sich die Sippe in Bewegung.

Binnen kürzester Zeit war das Lager des Anno 1460 von Wölfen umringt.

Es wurde gespeist, gelacht und gefachsimpelt.

Und ehe sich jemand versah, waren die meisten Schüsseln leer.

„Ein wahrhaft ruhmreiches Frühstück“, stellte Leif zufrieden fest.

„Wir haben uns heldenhaft geschlagen“, bestätigte Angel.

Nachdem die letzte Krume verspeist und der Abwasch erledigt worden war, öffnete der Markt erneut seine Tore.

Die Sonne meinte es an diesem Tage besonders gut mit den Menschen.

Oder besonders schlecht.

Je nachdem, wen man fragte.

Schon am Vormittag brannte sie unerbittlich vom Himmel.

Doch die Wölfe waren vorbereitet.

Im fliegenden Wechsel standen sie an ihren Ständen, betreuten Besucher, warfen Äxte und suchten immer wieder Schattenplätze auf.

So bekam jeder Farbe auf Gesicht und Armen, doch niemand erlitt einen Sonnenstich.

Zusätzlich wurden Tücher erworben, in Wasser getränkt und um Köpfe, Nacken und Schultern gelegt.

Bald sahen die Wölfe aus wie eine Schar reisender Wüstenfürsten.

„Fehlt nur noch ein Kamel“, bemerkte jemand.

„Das steht doch dort drüben.“

„Das ist Val .“

„Ach so.“

Das Gelächter war weithin zu hören.

Als der Nachmittag nahte, begannen die Vorbereitungen für das Abendmahl.

Überall erschienen Schneidbretter und Messer.

Gemüse wurde gewürfelt.

Fleisch vorbereitet.

Gewürze gemahlen.

Unter Angels wachsamen Augen entstand ein geschäftiges Treiben.

Liv und Angel übernahmen schließlich die Kessel.

Darin entstanden zwei Gerichte, die später noch lange Gesprächsthema bleiben sollten.

Ein feuriges Chili.

Und die legendäre Bud-Spencer-Gedächtnispfanne.

Schon bald zog der Duft über den gesamten Lagerplatz.

Von allen Seiten erschienen neugierige Nasen.

„Was kocht ihr dort?“

„Das erfahrt ihr, wenn es fertig ist.“

„Das riecht gefährlich gut.“

„Dann seid ihr auf dem richtigen Weg.“

Als schließlich frisches Brot gereicht wurde, begann das große Schlemmen.

Wer davon kostete, sprach noch Tage später davon.

Einige behaupteten sogar, sie hätten in jener Nacht von den Speisen geträumt.

Nachdem die Kessel geleert und die letzten Brotreste verschwunden waren, brach die Sippe zu einem Rundgang über den Lagerplatz auf.

Von Lager zu Lager wanderte man.

Hier wurde ein Becher Met gereicht.

Dort eine Geschichte erzählt.

Anderswo eine neue Freundschaft geschlossen.

Besonders herzlich wurden die Wölfe bei der Meister Gilde Velexus empfangen.

Noch immer sprach man dort über Eriks Junggesellenabschied.

Und noch immer wurde darüber gelacht, dass ausgerechnet Wasser beinahe seine größte Prüfung gewesen war.

So verging der Abend in bester Gesellschaft.

Die Sterne standen bereits hoch über Weißenhorn, als die Wölfe schließlich in ihr Lager zurückkehrten.

Müde, satt und zufrieden ließen sie sich an den Feuern nieder.

Es wurde noch erzählt, gescherzt und über die Nicht-Hochzeit gesprochen.

Denn inzwischen war allen klar:

Kein Barde hätte sich eine bessere Geschichte ausdenken können.

Und so endete ein weiterer wunderbarer Tag im Lager der Wölfe.

Doch schon bald sollte der Abschied näher rücken – jener Teil eines jeden Lagers, den niemand herbeisehnt und der doch stets unvermeidlich kommt.

Am folgenden Morgen, als der Tau noch schwer auf Gras und Planen lag, war das Lager bereits in stiller Bewegung.

Kein lautes Gelächter, kein Ruf über den Platz, kein Klang von Axt oder Becher.

Nur das leise Rascheln von Stoff, das Knarzen von Holz und das unvermeidliche Klirren von Kisten.

Denn jeder wusste: Der letzte Tag war gekommen.

Leif stand lange vor seiner Kutsche und betrachtete das Lager.

„Es war wieder zu kurz“, sprach er schließlich.

„Das sagen wir jedes Mal“, erwiderte Angel.

„Und jedes Mal stimmt es“, entgegnete er.

So begann das große Packen.

Zelte wurden gelöst, Seile eingeholt, Heringe aus der Erde gezogen, als hätten sie nie dort geruht.

Feuerstellen wurden sorgfältig gelöscht, Asche verstreut und letzte Glut erstickt.

Überall herrschte geordnetes Chaos.

Jeder suchte etwas, das eigentlich längst in der eigenen Kiste hätte liegen sollen.

„Hat jemand meine Pfanne gesehen?“

„Sie hängt an deinem Gürtel.“

„Ah.“

„Hat jemand meine Schuhe gesehen?“

„Du trägst sie.“

„…gut.“

Selbst die Götter schienen milde gestimmt und ließen den Himmel klar und freundlich bleiben, als wollten sie den Abschied erleichtern.

Als die letzten Wagen beladen waren, versammelte sich die Sippe ein letztes Mal auf dem Platz.

Die Bänke standen noch einmal im Kreis.

Ein letzter Becher wurde gereicht.

Und für einen Augenblick wurde es still.

Angel trat in die Mitte.

Ihr Blick glitt über die Gesichter ihrer Leute.

„Wölfe“, sprach sie, „wir kamen als einzelne Wege und gehen nun wieder getrennt. Doch was wir hier teilten, bleibt.“

Leif nickte.

„Wir haben gelacht, gearbeitet, gefeiert und manchmal auch zu viel gegessen.“

„Vor allem zu viel gegessen“, warf Val trocken ein.

Lachen ging durch die Reihen.

Angel hob ihren Becher.

„Mögen die Götter euch sicher heimführen und uns bald wieder zusammenführen.“

Ein letztes Mal erklangen Zustimmung und leises Klopfen von Holz gegen Holz.

Dann begann das Aufsitzen.

Die Pferde wurden geführt, Wagen gespannt, letzte Knoten geprüft.

Und einer nach dem anderen setzte sich die Karawane in Bewegung.

Langsam verließ die Sippe den Platz, der noch eben voller Leben gewesen war.

Zurück blieb nur Erde, Asche und die Erinnerung an Tage voller Geschichten.

Leif warf noch einmal einen Blick zurück.

„Bis zum nächsten Mal“, murmelte er.

„Und hoffentlich diesmal ohne Nicht-Hochzeiten“, ergänzte Angel.

„Das können wir nicht versprechen.“

„Nein“, sagte sie und lächelte. „Das können wir nicht.“

So zogen die Wölfe heimwärts.

Mit müden Körpern, aber leichten Herzen.

Und irgendwo zwischen den Wagen begann bereits die erste neue Geschichte Form anzunehmen.

Denn jeder wusste:

Nach dem Lager ist vor dem Lager.

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