
07.05.-10.05.26
Bernau am Chiemsee
Zu Samhain im Jahre 2025 vernahmen die Jarle Leif und Angel die Kunde, dass im folgenden Sommer die große Feier zum elfhundertsten Jahre der Stadt Bernau am ersten Wochenende nach Beltane abgehalten werden solle.
Da sprach Angel: „Wahrlich, solch ein Fest direkt vor unseren Toren dürfen wir nicht versäumen.“
Und Leif antwortete: „Du sprichst weise, holdes Weib.“ Sodann wandte er sich an Erik und sprach: „Sende eilends einen Raben aus und sichere unserer Sippe einen Platz auf diesem Feste.“
Also geschah es. Noch ehe das Julfest vorüber war, hielten die Jarle den besiegelten Vertrag in ihren Händen.
Als Imbolc nahte, begann die Sippe mit den Vorbereitungen für die kommende Fahrtenzeit. Es wurde Rat gehalten darüber, wer die Reise antreten solle, welche Speisen und Tränke benötigt würden und welche Werke auszubessern oder neu zu errichten seien.
So vergingen die Tage in emsiger Arbeit.
Da fragte Leif eines Abends: „Nur noch zwei Wochen verbleiben bis zur Abreise. Haben wir aller Dinge gedacht?“
Angel lächelte verschmitzt und sprach: „Mein Gemahl, große Freude würdest du mir bereiten, erschüfest du noch eine neue Lagerküche für unsere Fahrten.“
Leif hob die Brauen. „Eine große Aufgabe in so kurzer Frist. Welche Gabe erwartet mich dafür?“
Da zwinkerte Angel ihm zu und sprach: „Das mögen die Nornen entscheiden.“
Diese Worte genügten. Noch in derselben Nacht begann Leif mit Holz, Hammer und Säge sein Werk. Und als Beltane gekommen war, trat die ganze Sippe zusammen, um die neue Küche zu bestaunen. Lautes Klatschen und Jubel erschallten, und Leifs Werk wurde allenthalben gelobt.
Bald darauf begann Leif, die Kutsche für die Reise zu beladen. Während er Kiste um Kiste verstaute, runzelte er die Stirn.
„Bei Odins Raben!“, rief er. „Ist die Kutsche über den Winter geschrumpft? Noch immer liegt allerlei Gerät umher, und doch findet sich kein Platz mehr!“
Angel lachte und sprach: „Vielleicht ist nicht die Kutsche kleiner geworden, sondern unsere Habe zahlreicher. Nutze die zweite Kutsche, Gemahl.“
Doch Leif wollte sich nicht geschlagen geben. Mit großer Kunst des Packens gelang es ihm schließlich, nahezu alles in einem Wagen unterzubringen. So verblieb Angel nur noch, die Vorräte und den treuen Sheldon mit dem zweiten Gespann nachzuführen.
Am Donnerstag, noch ehe die Sonne ihren höchsten Lauf begann, spannte Leif die Pferde vor den Wagen und machte sich auf den Weg gen Bernau. Denn er gedachte, den besten Platz für die Sippe zu sichern.
Als er den Lagerplatz erreichte, begann er sogleich mit dem Aufbau. Die Seherin hatte Regen geweissagt, und so wollte er möglichst viele Zelte und Planen errichten, ehe die Wolken ihre Last über das Land ergössen.
Nicht lange darauf erschien Varg auf seinem Ross und bot seine Hilfe an. Gemeinsam richteten sie Stangen auf, spannten Seile und trieben Heringe in die Erde. Doch noch ehe das Werk vollendet war, erreichte Varg ein Briefrabe seiner Gemahlin, der ihn heimrief.
So arbeitete Leif allein weiter, bis endlich Angel und Torstein mit den übrigen Wagen eintrafen. Gemeinsam gelang es ihnen, das Lager rechtzeitig zu vollenden.
Kaum war das letzte Seil gespannt, da verdunkelte sich der Himmel. Mächtige Wolken zogen heran, und bald öffneten sich die Schleusen des Himmels.
Da standen Leif, Angel und Torstein auf der Lagerfläche und vollführten einen gar seltsamen Tanz, um die Wassersäcke von der Plane zu vertreiben. Immer neue Beulen bildeten sich, und immer eiliger mussten ihre Schritte werden.
„Schneller!“, rief Angel lachend.
„Ich tanze bereits wie ein vom Met berauschter Bär!“, keuchte Torstein.
Doch endlich erbarmten sich die Götter, und der Regen ließ nach. Ein Feuer ward entzündet, und die zweite bereits angereiste Lagergruppe gesellte sich hinzu. Bei Met, Bier und guten Geschichten saßen sie bis tief in die Nacht beisammen, ehe jeder seinen Schlafplatz aufsuchte.
Als der Morgen des Freitags graute, erwachte der Lagerplatz zu lautem Leben. Von allen Seiten erklang Hämmern, Rufen und Fluchen. Überall errichteten Sippen ihre Lager und kämpften mit dem harten Boden.
Die Wölfe hingegen saßen mit warmen Getränken vor ihrem Lager und betrachteten das bunte Treiben.
„Sieh nur dort“, sprach Torstein und deutete auf eine Gruppe, die verzweifelt versuchte, einen Hering in die Erde zu treiben.
Kaum hatte er ausgesprochen, brach der Hammerstiel entzwei.
„Der Boden von Bernau fordert heute seinen Tribut“, bemerkte Leif trocken.
Bis zur Mittagsstunde stand nahezu das gesamte Lagerdorf. Nur vom Falkner fehlte jede Spur.
Gerade als man über sein Ausbleiben sprach, erschien hoch am Himmel ein mächtiger Weißkopfseeadler. An seinem Bein war eine Botschaft befestigt.
Manni nahm die Nachricht entgegen und las laut vor:
„Edles Volk, eine schwere Unpässlichkeit hindert uns an der Reise. Mit großem Bedauern müssen wir fernbleiben und bitten um Vergebung. Euer Falkner.“
Ein Murmeln ging durch die Reihen.
„Eine späte Kunde“, brummte Manni. „Doch nun lässt sich daran nichts mehr ändern.“
Sogleich verfasste er eine Antwort und befestigte sie am Bein des stolzen Vogels, der sich darauf wieder in die Lüfte erhob.
Zwar waren manche Kinder betrübt, doch die übrigen Darbietenden gaben ihr Bestes, um die Enttäuschung zu lindern.
Die Tempelritter nahmen Knappenprüfungen ab, ein Korbflechter lehrte sein Handwerk, und Odins Hörner zeigten ihre Kampfkunst sowohl in der Arena als auch mitten auf dem Lagerplatz.
Auch die Wölfe standen dem in nichts nach. Beim Axtwurf, beim Säckchenwerfen und mit ihrem weithin bekannten Wikingerschiff sorgten sie für Freude und Kurzweil.
Als die Sonne sich dem Horizont neigte, füllten sich die Gassen des Lagers mit Händlern,Handwerkern und Schaulustigen.
Doch die größte Überraschung des Tages erschien erst später.
Feuerhexe Kirsten betrat das Lager.
Viele Monde zuvor hatte sie verkündet, in den fernen Süden ziehen zu wollen. Umso größer war die Freude, sie nun doch noch einmal zu sehen.
„Ich konnte nicht fortgehen, ohne euch ein letztes Mal zu besuchen“, sprach sie.
Da wurden selbst die härtesten Krieger still.
Manch einer kämpfte mit feuchten Augen, als sie fortfuhr:
„Ich werde euch vermissen. Doch bei allen Göttern – im kommenden Jahr werde ich wiederkehren!“
Jubel erhob sich im Lager, und die Becher wurden auf ihr Wohl erhoben.
So klang der Freitag in guter Gemeinschaft, mit Geschichten, Gelächter und manchem Krug Met aus.
Der Samstag brach ruhig und friedlich an. Ein leichter Wind strich über den Lagerplatz, während die ersten Sonnenstrahlen die Zelte und Banner vergoldeten.
Doch Angel wusste, dass ein arbeitsreicher Tag bevorstand.
Schon viele Tage zuvor hatte sie Ragnar ausgesandt, auf dass er genügend Fleisch für das große Abendmahl beschaffe. Denn nicht weniger als fünfzehn hungrige Mäuler würden am Abend gespeist werden wollen.
Als die Vorräte geprüft wurden, verfinsterte sich jedoch Angels Miene.
Das Fleisch war verdorben.
Ein übler Geruch entstieg den Bündeln, und selbst der Lagerhund wandte sich mit missmutigem Knurren davon ab.
Da erhob sich Angel zornig.„Bei Freyjas Zorn!“, rief sie. „Hat jener Bauer geglaubt, die Wölfe mit verdorbenen Resten abspeisen zu können? Hätte er offen gesprochen, wäre Milde in meinem Herzen gewesen. Doch dies ist eine Beleidigung!“
Sie wandte sich an Ragnar.
„Steig auf den schnellsten Hengst und suche den Bauern heim. Alle sollen erfahren, dass die Wölfe solches nicht vergessen! Bring mir seinen Kopf!“
Ragnar nickte grimmig und machte sich auf den Weg.
Angel jedoch verschwendete keine weitere Zeit. Sie bestieg ihren Wagen und fuhr zu einem befreundeten Jarl, dessen Gastfreundschaft weithin gerühmt wurde.
Dort schilderte sie ihre Notlage, und der Jarl half ohne Zögern. Er überließ ihr genügend Fleisch, um die gesamte Sippe und ihre Gäste zu versorgen.
Zum Dank lud Angel ihn und seine Familie zum Abendmahl ein.
Doch der Jarl lächelte und sprach:
„Heute sollt ihr euer eigenes Fest genießen. Ein anderes Mal werden wir gemeinsam am Feuer sitzen.“
Mit reichen Vorräten kehrte Angel zurück.
Sogleich begann geschäftiges Treiben im Lager. Messer blitzten auf, Bretter wurden hervorgeholt, und überall wurde geschnitten, geschält und vorbereitet.
Varg kümmerte sich um das Feuer und schichtete das Holz zu einer mächtigen Glut auf.
Mara stellte einen großen Kessel über die Flammen und bereitete das berühmte Whiskyfleisch zu, dessen Duft schon bald durch das gesamte Lager zog.
Angel buk Brot und süße Kuchen, während die übrigen Wölfe Besucher empfingen, Fragen beantworteten und die Wettkämpfe betreuten.
Noch ehe der Mittag vergangen war, erschien Liv im Lager.
„Ich hielt es daheim nicht länger aus“, verkündete sie lachend.
„Dann bist du hier genau richtig“, erwiderte Angel und reichte ihr einen Becher.
Im Laufe des Tages erschien eine Familie, die um Aufnahme in die Sippe bat.
Neugierig wurden die Fremden betrachtet.
Man sprach mit ihnen, stellte Fragen und prüfte ihr Wesen.
Doch schon bald zeigte sich, dass der Familienvater wenig Achtung vor den Regeln der Gemeinschaft hatte. Mehr als einmal sprach er über die Jarle hinweg und wollte seinen eigenen Willen durchsetzen.
Die Wölfe tauschten Blicke.
Noch ehe die Sonne ihren höchsten Stand verlassen hatte, war die Entscheidung gefallen.
Wer nicht bereit war, die Gesetze der Sippe zu achten, konnte kein Teil derselben werden.
So wurde die Familie höflich, aber bestimmt fortgeschickt.
Als der Abend nahte, begann das große Mahl.
Der Duft von Fleisch, Brot und Gewürzen zog über den gesamten Lagerplatz und lockte zahlreiche Besucher an.
Kaum waren die ersten Schüsseln gefüllt, da erschienen von allen Seiten Händler, Freunde und Weggefährten.
Denn mittlerweile hatte sich eine Kunde wie ein Lauffeuer verbreitet:
Angel beging ihren Ehrentag.
Schon bald erklangen Lieder im Lager.
Becher wurden erhoben.
Segenswünsche wurden ausgesprochen.
Von nah und fern kamen Menschen, um Angel zu gratulieren.
Bis tief in die Nacht wurde gesungen, gelacht und gefeiert.
Man erzählte Geschichten von vergangenen Lagern, erinnerte sich an alte Abenteuer und schmiedete Pläne für kommende Reisen.
Die Sterne standen bereits hoch am Himmel, als die letzten Gäste den Weg zu ihren Schlafstätten fanden.
Doch noch war die Geschichte dieses Lagers nicht zu Ende.
Denn am folgenden Morgen, dem Tage der Mütter, sollte sich eine Begebenheit ereignen, von der die Wölfe noch viele Winter lang erzählen würden. Als die Sonne des Sonntags über den Zelten emporstieg und der Tau noch auf den Wiesen glitzerte, erwachte das Lager nur langsam. Die Feierlichkeiten des Vorabends hatten ihre Spuren hinterlassen, und so mancher Krieger blickte etwas missmutig in seinen Trinkbecher.
Angel jedoch war bereits auf den Beinen und schritt durch das Lager, um nach dem Rechten zu sehen.
Da erklang plötzlich Hufschlag.
Aus der Ferne näherte sich ein Reiter in schnellem Galopp. Staub wirbelte hinter ihm auf, und sein Mantel flatterte im Wind.
„Ragnar!“, riefen mehrere Stimmen zugleich.
Der Krieger lenkte sein Ross mitten auf den Lagerplatz und stieg mit ernster Miene ab.
In seinen Händen hielt er eine hölzerne Kiste.
Neugierig versammelten sich die Wölfe um ihn.
Ragnar trat vor Angel, verneigte sich leicht und sprach:
„Jarlin, Ihr entsanntet mich mit einem Auftrag. Ich bringe Kunde von dessen Vollendung.“
Mit diesen Worten überreichte er die Kiste.
Angel öffnete den Deckel.
Für einen Herzschlag wurde es still.
Dann brach schallendes Gelächter aus.
„Bei allen Göttern!“, rief Leif. „Du hast den Auftrag tatsächlich ausgeführt!“
Ragnar verschränkte zufrieden die Arme vor der Brust.
„Ein Wolf kehrt nicht mit leeren Händen zurück.“
Angel lachte Tränen.
„Dies ist wahrlich das außergewöhnlichste Geschenk, das man einer Mutter überreichen kann!“
Voller Stolz bestieg sie das Wikingerschiff und präsentierte den Inhalt der Kiste allen Anwesenden.
Die Kunde verbreitete sich schneller als ein Herbstfeuer im trockenen Gras, und schon bald sprach beinahe der gesamte Lagerplatz von Ragnars ungewöhnlicher Tat.
Noch viele Monde später sollte man sich an diese Geschichte erinnern und darüber lachen.
Doch wie jedes Fest musste auch dieses sein Ende finden.
Schon bald begann das große Packen.
Zelte wurden gelöst, Banner eingeholt und Feuerstellen sorgfältig gelöscht.
Kisten verschwanden in Wagen, Werkzeuge wurden verstaut und letzte Habseligkeiten zusammengesucht.
Währenddessen stand Leif vor seiner Kutsche und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ich schwöre bei Odins Bart“, murmelte er, „dieser Wagen ist kleiner als bei unserer Ankunft.“
„Oder unsere Habe größer“, erwiderte Angel grinsend.
„Unmöglich.“
„Das sagtest du bereits bei der Abreise.“
„Und ich hatte recht!“
Die übrigen Wölfe lachten.
Nach einigem Umräumen, Fluchen, Stapeln und erneutem Umräumen fanden schließlich doch alle Gegenstände ihren Platz.
Als die letzten Wagen beladen waren, versammelte sich die Sippe noch ein letztes Mal.
Man blickte über den nun beinahe leeren Lagerplatz, auf dem wenige Tage zuvor noch das geschäftige Treiben eines ganzen Dorfes geherrscht hatte.
Für einen Moment wurde es still.
Denn jeder wusste, dass diese Tage wieder einmal viel zu schnell vergangen waren.
Freundschaften waren gepflegt worden.
Neue Erinnerungen waren entstanden.
Met war getrunken, Geschichten waren erzählt und manche Abenteuer erlebt worden.
Schließlich ergriff Leif das Wort.
„Wölfe! Wieder einmal haben wir gemeinsam ein gutes Lager erlebt. Die Götter schenkten uns Regen, Sonne, Freude und Gemeinschaft. Mögen sie unsere Wege behüten, bis wir uns am nächsten Feuer wiedersehen.“
Zustimmendes Gemurmel ging durch die Reihen.
Becher wurden ein letztes Mal erhoben.
Dann bestiegen die Wölfe ihre Wagen und machten sich auf den Heimweg.
Mit Tränen in den Augen blickte mancher noch einmal zurück.
Doch zugleich wohnte in jedem Herzen bereits die Vorfreude auf das nächste Lager, auf neue Geschichten und neue Abenteuer.
Und so endete die Chronik von Bernau im Jahre 2026.
Doch wie jeder fahrende Mensch weiß:
Nach dem Lager ist vor dem Lager.

















































