
17.07.-19.07.26
Reifensteiner Rittertage
Es begab sich in jenen Tagen, als die Wölfe beschlossen, ihre Fahrt gen Süden anzutreten, hinein in das schöne Land Südtirol, wo hohe Berge den Himmel berühren und tiefe Täler ihre Geheimnisse bewahren. Schon viele Monde vor dem Aufbruch sprach die Sippe von nichts anderem. Niemand wusste, welche Abenteuer die Götter für sie bereithielten, doch eines war gewiss: Eine Reise ohne reichlich Speis, guten Met und eine starke Kutsche war zum Scheitern verurteilt. So nahm Angel die Versorgung der Sippe in ihre kundigen Hände, während Leif Boten zu befreundeten Sippen entsandte, auf dass man ihm einen Wagen von wahrhaft gewaltiger Größe überlasse.
Nur wenige Wochen vor dem großen Treffen ritt ein Bote mit schäumendem Ross auf den Hof der Wölfe. In seiner Tasche trug er eine mit Wachs versiegelte Botschaft. Nachdem das Siegel gebrochen war, verlas Leif die Worte laut vor den Anwesenden:
An die ehrenwerten Lagergruppen!
Wie schon im vergangenen Jahr soll auch heuer ein großer Schildkontest stattfinden. Jede Sippe möge einen Schild in ihren Farben erschaffen, versehen mit einem selbstgewählten Bildnis und einer Geschichte, die dessen Sinn offenbart. Über Ruhm und Sieg sollen weder Gold noch Silber entscheiden, sondern der lauteste Jubel und das kräftigste Schlagen der Hände.
Wer teilnehmen möchte, hat drei Wochen Zeit, ein würdiges Werk zu schaffen. Gebt dem Boten eure Entscheidung mit auf den Weg.
Gez. Manuel von Reifenstein
Kaum verklangen die letzten Worte, wandte sich Leif an sein Eheweib. „Liebste, die Zeit ist knapp. Meinst du, du schaffst es, einen Schild zu bemalen?“ Angel lächelte nur. „Ich schon. Aber schaffst du es, einen zu bauen?“ Leif nickte entschlossen. „Haben wir denn bereits ein Thema?“ „Das überlass nur mir.“ Darauf trat Leif zum wartenden Boten und sprach: „Reite zu deinem Herrn zurück und richte ihm aus, dass die Wölfe den Schildkontest mit Freude annehmen werden.“ Kaum war der Hufschlag des Boten verklungen, ließ Leif das Horn erschallen und rief die ganze Sippe zusammen. „Wir haben unsere Teilnahme zugesagt“, verkündete er. „Nun brauchen wir eine Geschichte. Wer hat eine Idee?“ Einen Augenblick herrschte Schweigen, bis aus den hinteren Reihen eine Stimme erklang: „Die Nicht-Hochzeit!“ Für einen Herzschlag wurde es still. Dann brach schallendes Gelächter über die Versammelten herein. „Dafür müssen wir uns keine Geschichte ausdenken“, rief einer. „Sie ist schließlich wirklich geschehen!“ Selbst die ernsten Krieger konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen. Angel begann bereits zu überlegen. „Dann brauche ich vier Bilder.“ Nach langem Beraten und manchem Becher Met stand der Plan fest. Der Schild sollte erzählen von der Übergabe der Kekse, vom Junggesellenabschied, von der Hochzeit – und schließlich vom Teufel, der seine Finger wohl ebenfalls im Spiel gehabt haben musste. Bald bedeckten erste Skizzen den Tisch, bis sich die Sippe auf jene Motive einigte, die ihre Geschichte am besten erzählen würden. Nun begann die eigentliche Arbeit. Schon am nächsten Morgen machten sich Leif und Angel auf, um alles Nötige zu beschaffen. Doch die Nornen hatten beschlossen, ihren Fleiß auf die Probe zu stellen. Beim Schmied gab es keinen Schildbuckel mehr. Erst neues Metall musste herangeschafft werden. Auch der Lederer konnte nicht helfen. Sein Vorrat reichte nicht aus, um den Schild mit einer würdigen Umrandung zu versehen. Nur der Schreiner erwies sich als wohlgesinnt. Er hatte das passende Holz bereitliegen, sodass Leif den Schild ausschneiden und in Form bringen konnte, während Angel bereits mit ruhiger Hand die ersten Farben auftrug. Tag für Tag verging, und die Zeit rann schneller dahin als Sand durch eine geöffnete Faust. Immer wieder warteten sie auf fehlende Teile, während der Tag der Abreise unaufhaltsam näher rückte. Erst wenige Tage vor dem Aufbruch trafen endlich die letzten Materialien ein. Bis tief in die Nacht vor der Abreise hallten Hämmer und Messer durch den Hof, während Pinselstriche das Werk vollendeten. Als der Morgen graute, war der Schild endlich fertig. So entstand nicht nur ein Schild aus Holz, Leder und Eisen, sondern ein Werk, das die Geschichte der Wölfe erzählen sollte – auf dass jeder, der ihn erblickte, von der legendären Nicht-Hochzeit höre und noch viele Winter später lachend davon berichte.
Als schließlich der Tag des Beladens anbrach, hatte Odin es gut mit ihnen gemeint. Leif kehrte mit einer mächtigen Kutsche zurück. Gemeinsam mit Varg, Val und Angel wurde sie bis an den Rand mit Zelten, Waffen, Gewändern und Vorräten gefüllt. Da sprach Varg lachend: „Jarl, bei Thors Hammer! Einen Wagen wie diesen sollten wir unser Eigen nennen. Er trägt mehr, als unsere alte Kutsche je zu hoffen wagte.“ Leif erwiderte mit einem Grinsen: „Sobald unser nächster Raubzug reiche Beute einbringt, soll darüber beraten werden.“ Val musterte die Ladefläche und sprach verwundert: „Noch immer ist Platz. Angel, hast du weitere Habe?“ „Nein“, antwortete Angel. „Der Rest reist mit meiner Kutsche. Noch niemals haben wir unser Lager so rasch beladen. Nun lasst uns den Magen stärken.“ Nachdem alle gespeist hatten, ritten Val und Varg heim. Varg um sich für die lange Fahrt zu rüsten, Val jedoch hatte andere Pläne.
Noch ehe die Sonne am Mittwoch den Tau von den Wiesen vertrieb, ritt Varg auf den Hof. Gemeinsam mit Leif begann er den langen Weg über die Berge. Angel, Ragnar und Sheldon folgten erst zur Mittagsstunde, da sie noch auf die letzten Vorräte warten mussten. Während sich die Räder knarrend den steilen Pfad hinaufkämpften, fragte Varg: „Meinst du, unsere Kutsche wird den Berg bezwingen?“ Leif nickte. „Der Wagen wird seinen Dienst tun. Doch unsere Pferde werden auf halber Strecke neue Kraft benötigen, denn wir führen schwere Last mit uns.“ So kämpften sie sich Schritt für Schritt über die hohen Pässe. Erst als der Abend den Himmel rot färbte, war die Sippe beinahe vollständig versammelt. Bald ragten die Zelte empor wie ein kleines Dorf aus Stoff und Holz. Da erschallte ein gewaltiges Knurren über das Lager. Sofort wanderten alle Blicke zu Sheldon, der jedoch friedlich unter dem Tisch ruhte. Schließlich erhob Angel die Stimme und sprach: „Verzeiht mir, Freunde. Nicht Sheldon war es – mein Magen fordert seinen Tribut.“ Ragnar lachte. „Dann satteln wir die Pferde und suchen ein Wirtshaus, ehe noch jemand meint, ein Troll schleiche um unser Lager.“ So ritten die beiden hinaus in die Nacht. Nach wenigen Meilen fanden sie eine Schänke, aus der fröhliche Musik erklang. Fremdländische Menschen sangen, tanzten und verzehrten eine ihnen unbekannte Speise: dünnes Fladenbrot, bestrichen mit säuerlicher Milch, belegt mit würzigem Fleisch und frischem Salat. Zunächst kosteten Ragnar und Angel mit Vorsicht, doch schon nach den ersten Bissen wussten sie: Diese Speise würde auch den Wölfen gefallen. Als sie ins Lager zurückkehrten, wurde das unbekannte Mahl zunächst misstrauisch beäugt. Doch kaum hatten die Ersten davon gekostet, verstummten alle Zweifel, und bald blieb kein Bissen mehr übrig. Die Nacht legte sich über das Lager. Einer nach dem anderen spürte die Schwere der Reise in seinen Gliedern und zog sich in sein Schlafgemach zurück, während die Sterne schweigend über den Bergen wachten.
Mit dem ersten Licht des neuen Tages stärkten sich die Wölfe an einem reich gedeckten Frühstückstisch. Danach schwärmten sie über das Lager aus, um zu erkunden, welche befreundeten Sippen bereits eingetroffen waren und welche Händler ihre Waren feilboten. Selbst der Pfad zum Badehaus wurde sorgfältig erkundet, auf dass ihn jeder auch im Dunkel der Nacht sicher wiederfinden möge. So nahm das Abenteuer seinen Anfang, und noch ahnte niemand, welche Geschichten die Skalden nach ihrer Heimkehr über diese Fahrt erzählen würden.
Kaum war die Sonne über den Horizont gestiegen, errichteten die tapferen Salutem Tyroles ihr Lager unmittelbar neben dem der Wölfe. Weit und breit waren sie für ihre ausgelassenen Gelage auf dem DaU bekannt. Die ganze Sippe freute sich über ihre Nachbarschaft, denn gemeinsam ließ sich manch guter Plan schmieden und so manches Abenteuer ersinnen. Den ganzen Tag über trafen weitere Sippen, Händler und Reisende ein. Wagen rumpelten über die Wege, Pferde schnaubten und Hämmer erklangen. Doch obwohl immer mehr Menschen ankamen, blieb beinahe die Hälfte des Lagerplatzes leer. Verwunderung machte sich breit. Was mochte geschehen sein?
Da erschien ein Rabe, die Schwingen schwer vom langen Flug, beinahe außer Atem. An seinem Bein war eine Botschaft befestigt:
Lieber Manuel, Herr von Reifenstein,
wer auch immer Thors Zorn geweckt hat – er ließ seinen Grimm an uns aus. Blitz und Donner erschütterten das Land, und gewaltige Eisbrocken fielen vom Himmel. Unsere Abreise verzögert sich daher um einige Stunden. Wir hoffen dennoch, dass wir das Gelände nach unserer Ankunft noch befahren dürfen.
Hochachtungsvoll
Die Gruppen aus den südlichen Landen
Manuel, Herr von Reifenstein, ließ nicht lange auf seine Antwort warten:
Liebe Gruppen,
wir danken euch, dass ihr trotz des wütenden Wetters die weite Reise zu uns auf euch nehmt. Die Tore Reifensteins sollen euch offenstehen, ganz gleich zu welcher Stunde ihr eintrefft. Wir hoffen von Herzen, dass eure Familien die Launen Thors unversehrt überstanden haben.
Mit freundlichem Gruß
Manuel
Der Rabe jedoch betrachtete seinen Herrn mit sichtlichem Misstrauen. Sollte ausgerechnet er den weiten Weg zurück in die südlichen Lande fliegen? Erst nach einigem guten Zureden und einer stattlichen Portion frischer Hühnerherzen ließ sich der gefiederte Bote gnädig stimmen und erhob sich erneut in die Lüfte. Der Tag wurde drückend heiß. Jeder Handgriff beim Aufbau schien doppelt so schwer zu sein, und selbst die kräftigsten Krieger wischten sich unablässig den Schweiß von der Stirn. Erst als am Nachmittag eine frische Brise über das Lager strich, kehrte neue Kraft in die Reihen der Sippe zurück. Als der Abend nahte, traf schließlich der weithin bekannte „Rasende Wikinger“ ein. Sein Wagen war schwer beladen mit erlesenem Met und edlen Likören, die er bereitwillig mit den Anwesenden teilte. Bei gefüllten Hörnern berichtete er von seiner abenteuerlichen Irrfahrt nach Reifenstein. Sein Reisegefährte Patrick, ein Landsknecht von gutem Herzen, doch zweifelhaftem Orientierungssinn, hatte einen entscheidenden Abzweig übersehen. So fanden sie sich nicht im Tal von Reifenstein wieder, sondern hoch oben auf dem Pensjerjoch. Dort mussten sie lange verweilen, denn ihre treuen Pferde waren nach dem mühsamen Aufstieg völlig erschöpft und bedurften einer ausgedehnten Rast. Nachdem die Geschichte erzählt, viele Hörner geleert und manche Flasche Met ihrer Bestimmung zugeführt worden war, wurden die Stimmen leiser. Einer nach dem anderen kämpfte vergeblich gegen die Müdigkeit an. Schließlich verabschiedeten sich die ersten Krieger und Schildmaiden, um ihre Lagerstätten aufzusuchen – wohl wissend, dass der kommende Tag neue Abenteuer bereithalten würde.
Im Lager unserer Nachbarsippe erschien der tapfere Rüdiger von Wassermelone. Voller Tatendrang verkündete er, am kommenden Tage im Buhurt seinen Mut und seine Stärke unter Beweis stellen zu wollen. Doch als er seine Habe prüfte, traf ihn die bittere Erkenntnis: Seine Waffen hatte er daheim zurückgelassen. Da erklärte sich Erik bereit, ihm eine Axt zu schnitzen, auf dass Rüdiger nicht unbewaffnet in die Schlacht ziehen müsse. Mit sicherer Hand führte Erik das Messer durch das Holz, während Rüdiger geduldig wartete. Doch je länger die Arbeit dauerte, desto heftiger pochten die Schmerzen in Rüdigers Haupt. Als die Axt schließlich vollendet war und er sie voller Stolz in die Hände nahm, wollte er ihre Balance prüfen. In seiner Benommenheit jedoch verwechselte er Griff und Ziel und steckte sich den Axtstiel ans Ohr – sehr zum Gelächter der Umstehenden. Allein, die Schmerzen wollten dadurch keineswegs weichen. Da sprach einer der Anwesenden: „Es gibt nur noch einen Ausweg. Die Schädeldecke muss geöffnet werden!“ Sogleich stellte sich die große Frage: „Wer besitzt den Mut, dieses Werk zu vollbringen?“ Schließlich trat Goendyr hervor. Mit scharfem Messer und ruhiger Hand machte er sich an das ungewöhnliche Heilverfahren. Nachdem er einen prüfenden Blick in das geöffnete Haupt geworfen hatte, schüttelte er bedauernd den Kopf. „Oje“, sprach der Medicus, „hier ist kaum noch etwas zu retten.“ Doch Einherjar wollte die Hoffnung nicht aufgeben. „Vielleicht“, sagte er nachdenklich, „sollten wir das Ganze mit Gin ausspülen.“ „Ein Versuch ist es wert!“, erscholl es aus mehreren Kehlen. „Bringt die Flasche!“ Also wurde reichlich Gin herbeigeschafft und nach allen Regeln der Heilkunst – oder zumindest nach dem, was man im Lager dafür hielt – angewandt. Doch selbst dieses mächtige Elixier vermochte Rüdiger nicht mehr ins Reich der Lebenden zurückzuholen. So verschied Rüdiger von Wassermelone feierlich auf dem Küchentisch, umgeben von seinen Gefährten und einer geleerten Flasche Gin. Da jedoch kein Wikinger etwas verkommen lässt, wurde schließlich verkündet, das berühmte „Rüdigerhirn in Gin“ solle fortan allen Mutigen zur Verkostung gereicht werden. Und so wurde noch bis tief in die Nacht darüber gestritten, ob dies nun ein Heilmittel, eine Delikatesse oder einfach nur eine weitere jener Geschichten sei, die am Feuer mit jedem Horn Met ein wenig wunderlicher wurden.
Zum Badehaus führte ein schmaler Pfad, den schon viele Reisende vor ihnen beschritten hatten. Doch an jenem Samstag öffnete der Himmel seine Schleusen, und der Regen fiel in Strömen. Da sprach Liv: „Warum sollten wir unsere Stiefel im Schlamm versenken? Lasst uns die Kutsche nehmen.“ Varg, Elin, Ragnar und Angel brauchten nicht lange zu überlegen. Mit einem Satz saßen sie auf der Kutsche und freuten sich über die trockene Fahrt. Doch inzwischen war die Nacht hereingebrochen, und der vertraute Pfad erwies sich als ungeeignet für Räder. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als einen schmalen, unbeleuchteten Feldweg zu wählen. Langsam lenkte Liv die Pferde durch die Finsternis. Varg hielt eine Leuchte so hoch er konnte, doch Regen und Dunkelheit verschlangen ihren Schein. Der Weg schien mit jeder Weggabel länger zu werden, und erst beim dritten Versuch fand Liv die richtige Abzweigung. Schließlich erreichten sie das Badehaus. Das warme Wasser vertrieb die Müdigkeit aus den Gliedern und wusch den Staub des Tages von Haut und Haar. Als sie jedoch den Heimweg antreten wollten, hatte Thor seine Schleusen noch weiter geöffnet. Der Regen war zu einem tosenden Wasserfall geworden, und der Weg zur Kutsche glich nun einem kleinen See. Mit durchnässten Stiefeln und Kleidung, die schwer an ihnen klebte, erreichten sie schließlich das Gefährt. Kaum hatten alle Platz genommen, fragte Liv: „Weiß jemand, wie es zurückgeht?“ Angel deutete vage in die Dunkelheit. „So ungefähr dort entlang.“ Varg schüttelte den Kopf. „Ich halte die Leuchte diesmal gewiss nicht. Ich bin gerade erst wieder trocken geworden.“ Da erhob Ragnar die Stimme: „Nun gut, dann will ich mich erbarmen und unseren Weg erhellen.“ So fuhren sie erneut hinaus in die regnerische Nacht. Doch selbst Ragnar vermochte nicht jede Abzweigung zu erkennen. Nach einer Weile murmelte jemand: „Ich glaube... dort hätten wir abbiegen müssen.“ Ein anderer seufzte: „Wäre der Himmel klar, könnte ich mich wenigstens an den Sternen orientieren.“ Angel überlegte kurz und sprach: „Folgt einfach den Schildern bis zum nächsten Ort. Von der Taverne aus kenne ich den Weg nach Reifenstein. “Währenddessen hatte Varg seinen Mantel um Elin gelegt, um sie gegen die Kälte zu schützen. Elin wiederum vertrieb mit ihrem Gesang die düstere Stimmung, sodass selbst der Regen nicht mehr ganz so unerquicklich erschien. Da rief Varg nach vorn: „Du solltest die zweite Abzweigung vor der ersten Ausfahrt nehmen – dann wären wir längst da!“ Für einen Augenblick verstummte selbst der Regen, ehe schallendes Gelächter durch die Nacht hallte und über Felder und Wälder getragen wurde. Nicht lange danach tauchten die Lichter der Taverne vor ihnen auf. Von dort aus fanden sie ohne weitere Irrfahrt den Weg zurück ins Lager. So endete ihre Reise zwar mit nassen Füßen, doch auch mit einer Geschichte, die noch lange an den Feuern Reifensteins erzählt werden sollte.
Als der Abend weit fortgeschritten war, hatte der Regen die meisten Gäste vom Festplatz vertrieben. Die Wege lagen verlassen da, und nur die Hartgesottenen harrten noch aus. Doch endlich erbarmten sich die Götter. Die Wolken rissen auf, der Regen verstummte, und als hätte Thor selbst seinen Hammer zur Ruhe gelegt, kehrte Stille über Reifenstein ein.
Da erscholl der Ruf:
„Der Schildkontest möge beginnen!“
Viele Sippen hatten kunstvoll gestaltete Schilde eingereicht. Jeder einzelne erzählte von den Taten, dem Glauben oder den Späßen seiner Erbauer. Puschi hob einen Schild nach dem anderen empor, damit ihn alle Anwesenden sehen konnten. Währenddessen trat jeweils der Erschaffer vor und erzählte die Geschichte seines Werkes. Mario, der beider Zungen mächtig war, übersetzte jedes Wort treu ins Deutsche oder Italienische, sodass keine Sage verloren ging und jedes Lager gleichermaßen lachen, staunen oder nachdenklich werden konnte. Lautes Klatschen, Jubel und fröhliche Rufe entschieden schließlich über Ruhm und Ehre. Den ersten Platz errang eine Sippe aus den südlichen Landen. Nicht wenige meinten schmunzelnd, sie habe weniger wegen ihres Schildes gesiegt als wegen der großen Zahl ihrer Gefährten, deren Jubel bis weit über die Mauern Reifensteins zu hören gewesen sei. Die Wölfe errangen den vierten Platz. Mancher mochte darin nur eine Zahl sehen. Doch die Wölfe wussten es besser. Denn nur wer nicht unter den ersten Dreien war, durfte seinen Schild behalten. So kehrte ihr Werk mit ihnen heim, statt als Trophäe in Reifenstein zu verbleiben. Noch größer war jedoch die Ehre, die ihnen von den deutschsprachigen Gästen zuteilwurde. Immer wieder traten Männer und Frauen an sie heran und lobten ihre Erzählung von der legendären Nicht-Hochzeit. Viele erklärten sie zur unterhaltsamsten Geschichte des gesamten Wettstreits, und das erfüllte die Sippe mit großem Stolz. So trugen die Wölfe ihren Schild unter Jubel zurück in ihr Lager. Dort wurden die Hörner mit Met gefüllt, Gelächter erfüllte die Nacht, und bis die ersten Sonnenstrahlen über die Gipfel krochen, feierten sie ihr Werk und die Geschichte, die fortan ihren Platz unter den Sagen von Reifenstein gefunden hatte.
Der Sonntag begann, wie ihn sich jede Sippe wünschte. Die Sonne stieg golden über die Gipfel, und schon in den frühen Morgenstunden strömten Besucher aus allen Himmelsrichtungen nach Reifenstein. Händler priesen lautstark ihre Waren an, Kinder liefen lachend über die Wiesen, und der Duft von Feuer, Met und frischem Mahl erfüllte die Luft. Doch die Freude währte nicht lange. Zunächst strich nur ein sanfter Wind durch die Lagergassen. Kaum jemand schenkte ihm Beachtung. Doch aus dem lauen Lüftchen wurden bald mächtige Böen, die an Zelten rissen, Banner peitschten und selbst die Feuer zum Tanzen brachten. Da erhoben die Wölfe ihre Stimmen gen Himmel. „Njörd, Herr der Winde und Meere, besänftige deinen Atem! Unsere Zelte möchten gerne dort bleiben, wo wir sie errichtet haben.“ Doch Njörd dachte nicht daran, seinen Grimm zu zügeln. Während die Wölfe ihre Seile nachspannten, Heringe tiefer in den Boden trieben und jedes Tau prüften, vertraute ein Händler gelassen darauf, dass sein Gott Allah sein Zelt schon beschützen werde. Diese Worte trug der Wind bis an Njörds Ohren. Da brauste der Gott auf und sandte eine Böe, stärker als alle zuvor. Das Händlerzelt hob sich vom Boden, tanzte einen kurzen Augenblick durch die Luft und verschwand quer über den Platz. „In diesen Gefilden“, donnerte Njörd, „soll man an mich glauben und nicht an irgendwelche Möchtegerngötter!“ Da erschraken selbst die mutigsten Krieger. Aus allen Lagern erhoben sich Bitten und Stoßgebete an den Herrn der Winde. Ob Njörd der vielen Stimmen überdrüssig wurde oder ob sein Zorn endlich verraucht war, vermochte niemand zu sagen. Doch nach und nach legten sich die Böen, und wieder kehrte Frieden über das Lager ein. So konnten die Kessel doch noch über den Feuern hängen, das Mahl wurde gemeinsam genossen, und die ersten Sippen begannen damit, ihre Zelte abzubauen und ihre Wagen für die Heimreise zu beladen. Die Wölfe aber setzten sich gemeinsam mit den Tyroles ans Feuer. Dort beobachteten sie schweigend das geschäftige Treiben, erzählten von den Erlebnissen der vergangenen Tage und ließen das große Treffen in Ruhe ausklingen. Als der Montag anbrach, war die Zeit des Abschieds gekommen. Wagen wurden beladen, Pferde angeschirrt und letzte Umarmungen ausgetauscht. Ragnar und Angel mussten schon früh aufbrechen. Dennoch halfen sie ihren Gefährten bis zum letzten Augenblick beim Abbau des Lagers, ehe sie sich verabschiedeten und ihren Weg antraten. Leif und Varg beluden die große Kutsche bis unter das Dach und machten sich ebenfalls auf den Heimweg. Doch sie waren noch nicht weit gekommen, als Räuber ihren Weg kreuzten. Die Wegelagerer hatten den schwer beladenen Wagen gesehen und witterten reiche Beute. Mit drohenden Rufen traten sie aus ihrem Versteck und glaubten bereits, Gold, Waffen und Kostbarkeiten würden bald ihnen gehören. Doch sie hatten nicht mit Varg gerechnet. Der mächtige Huskarl sprang von der Kutsche, zog seine Waffe und stellte sich den Räubern mit einer Entschlossenheit entgegen, die selbst den Kühnsten den Mut aus den Gliedern trieb. Noch ehe der erste Hieb fiel, erkannten die Wegelagerer ihren Irrtum und ergriffen in wilder Flucht das Weite. Leif lachte, schnalzte mit der Zunge und ließ die Pferde wieder anziehen. So setzten die beiden ihre Heimreise zwar mit etwas Verspätung, dafür aber mit unversehrter Habe und einer weiteren Geschichte fort, die fortan am Feuer der Wölfe erzählt werden sollte – von Njörds Zorn, fliegenden Zelten und einem Huskarl, der selbst Räuber das Fürchten lehrte.
















































