1.11.2025 Samhain

In jenem Jahre, da die Blätter welk von den Bäumen fielen und die Nächte lang und kühl ward, beschlossen die Wölfe, das Fest des Samhain, das Gedenken der Ahnen, auf Eriks Hof zu begehen. Die Kunde ward rasch verbreitet, und bald sagten die meisten der Sippe zu, auf dass sie beieinander seien, wenn die Schleier zwischen den Welten dünn werden. Nur Jarl Leif musste absagen, da seine Gesundheit ihn niederdrückte wie schweres Eisen. Die Wege waren ihm zu beschwerlich geworden, und so blieb er in seiner Halle, um von dort der Ahnen zu gedenken.

Da Erik nicht genug Lagerstatt für alle bot, trat Liv Jörddottir vor und sprach: „ Angel möge bei mir nächtigen.“ Und Angel, froh über das Angebot, bot sich an, die Kutsche zu lenken, damit alle wohlbehalten ankämen.

Schon Tage zuvor begann Mara mit den Vorbereitungen. Mit fleißiger Hand schmückte sie Heim und Halle, legte Tücher aus, stellte Kerzen auf und bereitete den Festsaal für das hohe Fest. Erik indes zog zu den Bauern in der Nähe, um Fleisch, Wurzeln und Gemüse zu erstehen, wie es Brauch ist, wenn man Gäste erwartet.

Am Morgen des Festtages erhob sich die Sonne hell und klar über die Felder – ein selten Zeichen im Herbst. Erik begab sich in die Küche, schnitt Fleisch, Zwiebeln und Paprika und ließ sie in Töpfen schmoren, bis der Duft des Gulasches durch die ganze Halle zog.

Jörv, der mit seiner Eisenfaust bekannt ist, war der erste, der ankam. Er nahm sich der Axt an und hackte Holz, dass die Funken sprühten, damit am Abend das Feuer hell lodern möge. Da vernahmen sie das Flattern einer Taube, die sich niederließ; an ihrem Bein trug sie ein Schreiben. Erik löste das Pergament und las laut vor:

„Werter Erik, ehrbare Mara,

mit Bedauern muss ich absagen.

Ein Glühen hat meinen Leib ergriffen,

und ich vermag die Reise nicht.

Grüßet die Sippe in meinem Namen –

ich werde der Ahnen aus meinem Gemach gedenken.

In Hochachtung,

Runa.“

Am Nachmittag fuhr Angels prächtige Kutsche vor. Mit ihr kamen Liv, Vidar und ein Korb voller Räucherwerk, Kerzen, Opfergaben und manch kleiner Überraschung. Nachdem sie von Runas Botschaft erfahren hatte, schickte Angel die Taube sogleich zurück mit ihrer Antwort:

„Geschätzter Medicus,

mit Bedauern hörten wir von deiner Schwäche.

Mögen die Götter dir Genesung schenken –

und nimm nicht zu viel deiner Kräuter,

du weißt, zu viel ist des Guten auch schädlich.

 

In Freundschaft,

deine Jarlin Angel.“

Darauf rief Angel die Wölfe zusammen, auf dass sie Rat hielten über die Dinge des kommenden Jahres. Da wurde gesprochen über Lager und ihre Unkosten, über Werkstätten, Märkte und Fahrten, und über manch anderes, was die Sippe betrifft. Erik gab kund, dass er künftig nur noch auf zwei Lagern den Kochlöffel schwingen wolle – in Weißenhorn, wo seine Schnitzel berühmt sind, und beim DaU, wo sein Rehragout schon manchem den Atem raubte. Für die übrigen Lager erklärten sich Liv, Ragnar und Angel bereit, ihre Kochkünste darzubieten. Auch ward beschlossen, eine Kampfgruppe zu gründen, und Erik wollte Verbindung zu Harbarts Sippe suchen, damit die Wölfe mit ihnen das Schwert und den Schild führen lernen.

Kaum war die Versammlung beendet, öffnete sich das Tor, und die Neulinge Sabrina und Daniel traten ein, den Metkrug in Händen und gute Laune im Herzen. Die Sippe hieß sie willkommen.

Dann kam die Stunde der Gaben. Angel brachte eine Truhe herbei, darin für jeden Wolf ein gebrannter Anhänger, ein Zeichen der Treue und der Jahre, die er oder sie der Sippe diente. Auch das neue Banner erhielt Zeichen, damit jedermann sehe, wie lange die Wölfe schon unter den Menschen lagern.

Doch Angel hatte noch eine letzte Überraschung: Unter Jubel und Klang der Becher verkündete sie, dass Liv Jörddottir fortan dem inneren Kreis der Wölfe angehöre, für ihre Verdienste und ihr unermüdliches Wirken. Eine Urkunde ward ihr überreicht, und viele umarmten sie freudig.

Alsbald wurde das Mahl aufgetragen: ein großer Topf mit Gulasch, dampfend und duftend, begleitet von einem Korb voller Backwerk. In Windeseile war alles verspeist, nicht ohne Leif eine Portion zurückzulegen.

Mara und Angel richteten das Ritual. Der Himmel verdunkelte sich, und Regen begann zu fallen. Doch das Ritual der Reinigung, des Opferns, des Wünschens und des Gedenkens war vollendet, ehe der Sturm losbrach.

Wieder in der Halle fanden sich alle ein, trockneten die Kleider, lachten, sangen und tranken Met bis tief in die Nacht. Und so endete das Samhainfest des Jahres – in Eintracht, Wärme und im Gedenken an jene, die vor uns gingen.

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